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Bericht vom 22.09.2018

Beyssig sein ist nutz und not

Satire und Polemik zu Luthers Zeiten

© Jutta de Vries

„Beyssig sein ist nutz und not“
Satire und Polemik zu Luthers Zeit und darüber hinaus


Bildvortrag im Rahmen der Luther-Jubiläums-Ausstellung „Reformation im Elbe-Weser-Dreieck“, Schwedenspeicher Museum Stade
13. September 2017 ©Jutta de Vries


„Beyssig sein ist nutz und not, dass man straff die hartten kopffe“, hatte Luther 1521 in seinem unerschütterlichen Sendungsbewußtsein gesagt, als er auf seine grobianischen Worte angesprochen wurde. Und ergänzt: “Ich bin dazu geboren, dass ich mit den rotten und teuffeln muß kriegen und zu felde ligen, darumb meine bücher viel stürmisch und kriegisch sind. Ich mus die klötze und stemme ausrotten, dornen und hekken weg hawen, die pfützen ausfullen und bin der grobe waldrechter, der die ban brechen und zurichten mus“. 
In der interessanten Grafik von Regina Gössinger zur Lutherdekade ist bei allen Attributen  das „beyssig sein“ ganz ausgespart – Medien, Mut und Wort kommen vor, die wären auch passend zu füllen. Deshalb möchte ich Ihnen heute eine etwas andere Seite Luthers und seiner Anhänger zeigen, die nicht ganz so edel und zur Glaubens-Erziehung tauglich ist.
**Er hat nämlich nicht nur die Thesen mit dem Hammer angeschlagen, sondern ihn verbal und in Bildern auch auf die unliebsamen falschgläubigen Zeitgenossen fallen lassen, auch von den Kanzeln herab.
**Dort sprach man nicht mehr als 5 Stunden, abgemessen in Glasen. Hier **ein wunderbares Exemplar aus dem Museum Augustinum.


Bis zu seinem Tod ist Luther in seiner drastischen Ausdrucksweise immer schärfer geworden. Sogar Melanchthon konnte in der Totenrede nicht umhin, darauf einzugehen. Er bediente sich dabei einer Sentenz des großen Erasmus von Rotterdam, der mit Luther so manchen scharfen Disput ausgefochten hatte. Erasmus erweist sich im Nachruf nämlich als Humanist im wahrsten Sinn: Gott habe mit Luther dem Zeitalter ein scharfes Heilmittel verordnet. 


Aber wie wir im folgenden sehen und hören werden, hat sich Luther nicht allein im Fäkalienpfuhl gewühlt. Genau wie er schoß die Bildungselite der Zeit alle zur Verfügung stehenden Giftpfeile ab und nutzte auch die gesamte Zoologie, um möglichst gemein zu sein und den Gegner in der **Erfindungsgabe zu übertreffen. Im Grunde genommen ging es nur um die beiden Pole Luther und den Papst.
**Hier in unserer Reformations-Ausstellung befindet sich ein Flugblatt aus dem Staatsarchiv, das ich als erstes hier gern vorstellen möchte.
Der Holzschnitt mit Text ist ein Erinnerungsblatt, entstanden zum 1. Jubeljahr nach dem Thesenanschlag, also 1617. Das erfährt man durch ein kleines Anagramm-Spiel. Die Menschen damals waren mit dieser Art sehr vertraut, Auch Symbole und Metaphern waren allgemein verständlich.
Wenn da steht „Jubilate animis gratis, jubilate deo“ läßt sich aus den hervorgehobenen Buchstaben die römischen Zahlen zusammenrechnen, so daß 1617  herauskommt.
Luther steht im Tor der befestigten Gottesstadt und wehrt dem feuerspeienden Löwen-Drachen mit der Papst-Tiara ab, allein durch das Entgegenhalten der aufgeschlagenen Bibel, also allein durch das Wort, das hier als „Licht“ bezeichnet wird.
Der Ablaßhändler läuft davon, seine Narrenkappe ist umschwärmt von Wespen und Mücken, die Mäuse – gemeint sind die Mitglieder des neu zu Gegenreformation gegründeten Jesuitenordens – laufen hinterher.
1617, kurz vor Beginn des 30jährigen Krieges, macht sich hier Zuversicht im evangelischen Lager breit.


Facebook, Twitter, Google und Co – sehr geehrte Herren und Damen, Facebook, Twitter, Google und Co prägen unser heutige globalisierte, digitalisierte Welt, sind gut für blitzschnelle Information, Kommunikation, Diskussion, aber auch für Agitation, Hetze, Schmähung und Polemik.


Ähnlich euphorisch wie wir Heutigen als „Mitspieler“ im rasenden Kommunikationswirbel der Digitalisierung müssen die Menschen vor rund 500 Jahren gefühlt haben, als Gutenbergs Erfindung der beweglichen Lettern für den Buchdruck und der mechanischen Druckmaschinen mit einem Schlag das Nachrichtenwesen revolutionierte, weil man viel rationeller und kostengünstig drucken konnte. (Wird für 1440 angesetzt)


**Allerdings hat die Geschichte des Flugblatts bereits lange vor Luther Anfang des 15. Jh. mit der Entwicklung des Holzschnitts angefangen. Die sogenannten „Einblattdrucke“ – hier ist einer der ältesten von 1423, in einer späteren Fassung von 1480- waren als private Andachtsbilder sehr beliebt, vor allem für die Gesellschaftsschichten, die sich keine teuren Ölbilder leisten konnten. Sie zogen das Papierblatt oft auf Holz auf und benutzen es als Hausaltärchen. In großer Anzahl wurden auch mit Text versehene Andachtsbüchlein und natürlich die Riesenauflage an Ablaßbriefen gedruckt.


Zu Luthers Zeit erfahren dann die „Laufzettelein, die sich selbst auf die Beine bringen“ einen explosionsartigen Zuwachs und unterstützen die Verbreitung der neuen Lehre. Es entstanden bis zur Bauernkriegszeit 1525  rund 11 000 Drucke in über 11 Mio Exemplaren. Ab 1519 stieg die Produktion deutscher Publikationen innerhalb von 3 Jahren um 700%, obwohl nur etwa 1% der Menschen lesekundig waren.
Jutta Krauß vermutet, daß dieser Umstand die Verbreitung keineswegs **behindert hat,  der ungebildete „Karsthans“ (Karsch=Feldhacke, Bauer)
hat sich vorlesen lassen von „ein armen schuler umb ain stuck brots so vil du ains tags bedarfest“. Es wird berichtet, daß auf Marktplätzen vorgelesen, diskutiert und mündlich weiter getagen wurde.


Also Info für alle, auch doch zum lesen lernen mit der frisch gedruckten deutschen Bibelübersetzung Martin Luthers, der zur rechten Zeit am rechten Ort war, Kommunikation über den Glaubensstreit, Hetze, Propaganda fürs ganze Volk - Mittelalter ade, Neuzeit komm her - mit der Reformation. 
Wie heute auf Facebook  und Twitter gibt es damals eine erstaunliche Freiheit der Meinungsäußerung – ganz so ungestraft wie damals dürfte man heute allerdings nicht mehr  davon kommen, das war wirklich manchmal heftig. 
Die Lust an der Diskussion per Bild und Schrift ist groß, und ich glaube fast, die intrinsische Motivation zum Lesen lernen ist mindestens so viel den interessanten Flugblättern und Flugschriften zu verdanken wie der deutschen Bibelübersetzung Luthers. Manche Texte sind sogar  dramaturgisch angelegt, damit man sie mit verteilten Rollen lesen und spielen konnte. Das weit über 50 Jahre andauernde polemische Streitspiel, das im wesentlichen auf der Straße stattfand, war die Bildzeitung, das Radio und das Fernsehen von einst.


**Der Ablaßhandel hat natürlich im Bild eine große Rolle gespielt. Hier sehen wir Tetzel, der auf einem Esel reitend die Pabstbulle vorzeigt, Leute eilen herbei, um den Groschen in den Kasten klingeln zu lassen, um ihre Seele zu retten.
Im oberen Text kommt Tetzel zu Wort, „sobald der Gülden im Becken klingt, im huy die Seel im Himmel springt“. 
Der lange untere Text betont lehrend und in Fakten die Unrechtmäßigkeit der Aktion „Des Tetzels Kram und Papsts Betrug findet bei uns kein Recht noch Fug“
** Hier steht der Ablasskasten direkt am Kreuzesfuß, der Händler sitzt in der Kirche, die Leute kaufen, während der Mönch auf der Kanzel nicht predigt, sondern die Ablaßbulle verliest. Besonders die Frauen sind willige Zuhörerinnen. Die noch recht sanfte Klage ohne Polemik kulminiert nur in der Dreschflegel-Bedrohung durch den eintretenden Karsthans, der seine Flugschriften-Lektion gelernt hat.
**Zu Beginn der Reformation bemühen sich die Gelehrten und Autoren der deutschen Bildungselite noch deutlich um Information. Das sehen wir an diesem Blatt, das die alte und neue Kirche zu beiden Seiten der Mittelachse in den wesentlichen Aussagen gegeneinander stellt. 
Mittelachse: Hölle, Adam+Eva,Kreuz, Taube Gottvater
Rechts alte Kirche Papst und Ablassprediger Eck, Emser, Chochleus unterm Kreuz des bösen Schächers Herkunft von der babylonischen Hure auf dem siebenköpfigen Drachen, Höllentor steht offen, Himmelstor bleibt verschlossen.
Links Luther predigt unterm Kreuz des guten Schächers, Reiter „Treu und Wahrhaftig“ aus der Offenbarung, führt die gleichberechtigte Christengemeinde vor Gottvater weist segnend auf das Geöffnete Himmelstor, Hölle bleibt zu
**Eine der populärsten Polemiken der Reformationszeit ist die 1521 erschienene Holzschnittfolge Passional Christi und Antichristi.
Die Aufeinanderbezogenheit und Kontroverse von Bild und vergleichendem Text ist das grundsätzlich neue im reformatorischen Bilderkampf. Der Vergleich beinhaltet 13 Gegenüberstellungen: (Wahrheit-Lüge, Armut-Habsucht, Sanft-und Demut –Stolz und Eitelkeit, vollmächtige Gesetzgebung – schriftwidrige Gesetzesflut, aktive Zuwendung und Verbreitung des Evangeliums – Untätigkeit, WeltfluchtLoyalitat gegenüber weltlicher Macht- Eroberungsdrang, Nähe zum einfachen Volk  -Nähe zu Mächtigen, Gewaltlosigkeit-Kriegslust, Anspruchslosigkeit-unmäßige Rechtsansprüche, Volksnähe-Prachtentfaltung, Gengsamkeit-Ruhmsucht ) von denen ich hier Nr. 3 ausgewählt habe, Sanft/Demut-Stolz/Eitelkeit.
Antichrist ist ja ein Begriff aus der Offenbarung des Johannes. Nachdem Luther 1520 die päpstliche Bannbulle öffentlich verbrannt hatte, bezeichnete er von da an den Papst immer als „Antichrist“.
Die Holzschnitte sind in der Cranach Werkstatt entstanden, Texte stammen von Melanchthon und Schwerdtfeger. Erschienen ist das Passional (nachempfunden einem kath. Andachtsbüchlein) ohne Angaben von Verfassern. Luther, auf der Wartburg zu der Zeit, zeigt sich erfreut und lobend.
**Ein Beispiel, wie man auch Arbeissparend neue Infos unters Volk bringen konnte, sind diese beiden antipäpstlichen Flugblätter: Der teuflische Drache, der dem Papst rechts höllisches Buch in die Hand gibt, wird ersetzt durch die Lutherfigur, die auf dem Reichstag zu Worms dem Papst das Wort entgegenhält.
Die Schnittlinie ist noch deutlich zu sehen.
**Hier sind die ungeliebten Mönche dran: Allegorien von Hochmut, Wohlleben und Geiz halten einen Vertreter der Spezies fest und schauen freudig zu, wie der Karsthans, gestützt von der Steinwerfenden Armut, ihm sein falsches Wort zu fressen gibt. (Antiker Habitus, Überbringer schlechter Botschaft)
** Und in diesem zeitgenössischen Blatt zeigt sich die durchaus durch Luther und seine Schrift in Gang gesetzte Emanzipation der Frau: die Ehemänner reiben sich im  Bauernkrieg auf, die starken Frauen, mit ihren bäuerlichen Arbeitsgeräten bewaffnet, vertreiben den altkirchlichen Klerus, der ihrer Meinung nach Grund für die Misere ist. Bischöfe, Kardinäle – egal, es gibt kein Pardon. Dreschflegel, Hacken, Gabeln, Stöcke, Reisigbündel und Wassergüsse kommen zu Einsatz, und die niedlichen engelsgleichen Bauernkinder greifen zu den Pflastersteinen.
Facebook, heute wie damals: erst kommt das Lachen, dann bleibt  es uns im Halse stecken.


**Hier zum Beispiel verschmilzt ein gräßlich gefiedertes Wesen mit Bauchfratze fast unlösbar mit einem Mönch, beide werden zu einem einzigen  zweiköpfigen Monstrum. Der Teufel benutzt den Mönchskopf als Luftblase einer Sackpfeife, das Anblasrohr führt durchs rechte Ohr, die Nase wird zur Spielpfeife verzerrt. 


Bilder haben ja auch immer eine Bedeutungsebene, und der Dudelsack steht mit seinem weiteren Namen „Bock“ auch für den Teufel und wird mit  einer der sieben Todsünden in Verbindung gebracht, der Maßlosigkeit und Begierde – er ist ein beliebtes  Volksinstrument, das auf Festveranstaltungen jeglicher Art zum Einsatz kam. 


Diese eindrucksvolle Frühform der physiognomischen Karrikatur –der Holzschnitt von Erhard Schön ist entstanden 1530 - kann interessanterweise mehrdeutig gelesen werden – zum einen als Verspottung des altkichlichen Mönchswesens, zum anderen besonders wegen der Ähnlichkeit der Person als bösartige Luther-Karrikatur.


**Einer von Luthers schärfsten Gegnern ist der Magister und fürstliche Rat Georgs von Sachsen, Thomas Murner. Er zieht dem mit Narrenkappe verzierten Luther lauter kleine Narren aus dem Mund und beschimpft ihn als die Summe aller Dummheit.


**Die Antwort läßt nicht lange auf sich warten: Luther seinerseits zeigt Murner auf dem Boden kriechend als den höllenentsprungenen mythologischen Leviathan mit dem obligatorischen Kater-Murr-Kopf, der Feuer, Gestank und Schwefel speit, während Luther wie eine Gottheit darüber schwebt. – Vorbild auch für spätere Denkmäler.


**Bildpolemik gegen die römische Kirche ist durchaus unterhaltsam fürs Volk, das die Hauptvertreter gut kennt: Auf einer Loggia in kostbarer Architektur des Vatikans sind die bedeutsamsten Gegner Luthers zur Zeit des römischen Prozesses 1521 dargestellt, aber alle sind verhöhnt mit Tiermasken, die sie statt der Köpfe tragen. Spottverse unter den Personen beschäftigen sich mit den Fehlbarkeiten ihrer Persönlichkeit: Zentral mit dem Kreuzesstab sehen wir Papst Leo, er trägt den Löwenkopf. Er lockt Johannes Eck, Schweinskopf geschmückt, mit Geld und Kardinalshut, wenn dieser Luther zu Fall bringt. Symbolisch überreicht er ihm eine Münze, wie in einem der mittelalterlichen Lehnsbilder. Das Geschehen wir attestiert vom Franziskaner Thomas Murner als Kater Murr, Hieronimus Emser als Bock und Johannes Lemp als Hund. Die tierischen Metamorphosen deuten nicht nur auf deren Eigenschaften hin, sondern sind als Entlarvung eine tiefgreifende Beleidigung: Tiere können nach allgemeiner Auffassung nicht  an Gott  glauben - also wird den Verwandelten Gottlosigkeit attestiert. Und, aus diesem Grund noch schlimmer im damaligen Heilsverständnis: es wird ihnen die Gotteskindschaft abgesprochen.
**Der Schreiber nennt sich „der treue Eckhart“ Er warnt vor den drohenden Folgen von Luthers Süppchen, das er gemeinsam mit dem Teufel kocht- ein ordentliches Höllenfeuer aus Lüge, Gotteslästerung, Aufruhr, Teuerung, Hoffahrt usw, alles gewürzt mit Gall und Gift. Die teuflischen Musikantenpreisen „Lothers Falsch“, am Feuer wünschen kleine Ungeheuer noch Hagel, Pech und Schwefel für die Frommen.
Auf Luthers Schulter sitzt übergroß der Rabe, der Unglücksbote
**Bei Hans Sachs, dem luthertreuen Meistersinger aus Nürnberg, wird der Rabe zur Nachtigall
**Die papsttreue Seite ist aber auch kein bißchen  faul in ihren Schmähblättern. Hier wird die Vielköpfigkeit, die unheilbringende Hydra der antiken Sage, aber auch der siebenköpfige Drache aus der biblischen Apokalypse des Johannes zitiert, als Antwort aufgegriffen und auf Martin Luther projeziert. Hans Brosamer hat hier Luther als Irrlehrer mit zahlreichen Widersprüchen dargestellt, passend zur Streitschrift von Johannes Cochlaeus von 1529. Der übergroße Mönchskörper mit dem klitzekleinen Buch hat 7 verschiedene Gesichter: der Doktor mit Hut, der altkirchliche Heilige, ein Türkenkopf, der Luther als Ungläubigen meint, als Ecclesiast, also Kirchenlehrer, als Schwärmer von Wespen umnebelter, als Visitierer, der den Papst auf seine Fehler hinweist und schließlich als Barrabas, der Mörder, den die Juden statt Jesus begnadigt sehen wollten. Der ist hier als Faun mit Keule dargestellt, eine Anspielung auf die Beschuldigung, Anstifter zu den  Bauernkriegen zu sein.
**Kleine Kostprobe von Cochläus Wortgewalt, die Luther in nichts nachsteht:
**Und die Antwort folgt auf dem Fuß, diesmal in prächtig kolorierter Form und künstlerisch viel anspruchsvoller: Hans Sachs lieferte den Text dazu. Er beschreibt das Papsttum – Clemens VII(1523-34) ist hier aktuell gemeint- als den Antichrist aus dem Tessalonicherbrief, meint aber zum Schluß tröstend, Luther habe ihm schon „Ain tötlich wund“ verpaßt und „Gott geb das es gar gee zu grund“.Die große Geldtruhe ist hier Altar, unter dem das Teufelsreich sich breit macht und aus dem die sieben Hydra-Köpfe wachsen, diesmal Papst und sechs Kleriker unterschiedlichen Ranges. Am Kreuz nicht INRI, sondern ein Ablaßzettel.
**Eine weitere künstlerisch attraktive Satire auf den katholischen Klerus erinnert stark an Hieronymus Bosch, den damals das gebildete Volk gut kannte. Was für eine Chimäre hockt da auf dem Ablaßdekret mit den vielen Siegeln, ein Fuß im Weihwasserkessel, die Ablaßbüchse in der Hand. Papst und Geistliche werden von Teufelchen ins offene Maul geflogen, wo schon eine fröhliche Tischgesellschaft zecht. Des Hölenschlundes sind sie sich offenbar gar nicht bewußt. Gebrutzelt wid oben auf dem Kopf, auf höllischem Feuer, das aussieht wie ein Heiligenschein. Der Kessel hängt am dürren Ast, der in seiner halbmondförmigen Biegung ein Bosch-Zitat aus dem berühmten „Garten der Lüste“ ist, als pervertierter Baum der Erkenntnis. Auch diese faszinierende Darstellung scheint eine Ausgeburt von dämonischen Zwangsvorstellungen zu sein – oder will das Papsttum als solche darstellen.
**Die Glaubensküche on 1570 zeigt einen versöhnlichen, vernünftigen Aspekt in Bezug auf die inzwischen entstandenen unterschiedlichen reformatorischen Ansätze.
Am Tisch speisen miteinander und doch jeder etwas anderes, die Reformatoren Calvin (Kalb) und Luther (spielt Laute), der Papst ist sogar dabei und isst Brei (evtl. vergifft?), der Widertäuffer leckt die Pfanne aus, Auf dem Kaminsims stehen die Vertreter religiöser Toleranz um die Caritas herum. Die Eintracht bringt Hirsch (siehe Psalm 100) die Köchin heißt ratio, Vernunft. Das Blatt geht auf die niederländische Vorlage von Dierk Volkertsz Coornherr(1522-1590) zurück, der ein führender Vertreter der Toleranzidee war.
**Im späten (1589) Holzschnitt von Abraham Nagel ist davon nichts zu spüren. Er nimmt noch einmal Bezug auf den 7köpfigen Luther, der mitten im Geäst sitzt und seine „geflüchtete Nonne“ Katharina im Arm hält. Im übrigen Geäst sind Luthers Mitstreiter Melanchthon, Bugenhagen u.a. versteckt, die mit den übrigen Reformatoren Zwingli, Hutten, und Calvin streiten. Herum fliegt viel negativ konnotiertes Getier.
Toleranz im Ansatz erstickt.
**Auch im kostbaren Blatt aus der Cranachschule, das 1548 nach dem vergeblichen Gesuch um ein erneutes Konzil in Deutschland entstand, werden Kaiser ,Papst und Genossen von Gottvater in die Hölle geschickt und von den Protestanten nieder gesungen mit Luthers schönem Glaubenslied „Erhalt uns Herr, bei Deinem Wort“. Links sind Luther, Kurfürst Johann Georg, Cranach, Melanchthon zu sehen, rechts die jeweiligen Damen: Fürstin Sibilla von Cleve, die Cranachin und Katharina von Bora sind auszumachen.
**Auf dem s/w Schnitt sieht man die Verlorenen noch deutlicher.
**Bekannt ist auch dieses Blatt, das auf die Predella des Cranach-Altars in der Wittenberger Stadtkirche Bezug nimmt: Luther predigt, die Gläubigen stehen unter dem Kreuz mit dem herrlich wehenden Lendentuch, das Abendmahl wird in beiderlei Gestalt ausgegeben. Rechts schmoren die Katholiken im Höllenrachen, ein Motiv, das schon in der Malerei der Romanik bekannt ist.
**In seinem letzten Lebensjahr wird Luther außerordentlich „beyssig“.
Er beauftragt Cranach, seine neun Bilder wider das Papsttum zu edieren.
Diese beiden sind Originale mit Luthers Handschrift, die folgenden stammen aus einer späteren Edition. Dieses Pamphlet muß man erst einmal verkraften.
**Das Thema der Anusgeburt bedeutet die Inkarnation des Teuflischen, Widernatürlichen und ist bei Luther auf diese beiden früheren Vorbilder in der Polemik zurück zu führen.
**Weiter Papst-Pamphlet:
**Im folgenden wird nach dem Schmalkaldischen Krieg voller Freude der lutherische Leichnam sezirt, Vorbild sind die Zeichnungen der Niederländer, auf die auch Rembrandt später zurück greifen wird.
**Die Lutheraner geben aber so schnell nicht auf. Auf dem Fuß folgt der Triumphzug Luthers,. Allein durch das Zeigen der geöffneten Bibel zerbricht der Thron des Papstes, obwohl er noch von seinen Anhängern gestützt wird.
**Inzwischen sind wir im 17. Jh. angekommen, das 1. Jh Thesenanschlag wird gefeiert – wie auf dem Stader Blatt, das wir schon zu Anfang angesehen hatten. Hier kommt Luther aus dem Jenseits als Engel, mit Johannes-Apokalypse und Posaune, um den Papst zu Fall zu bringen. Der Text ist wie ein Theaterstück aufgebaut, es treten der Papst, Tetzel, die Jesuiten, ein Engel und Luther auf. Der beendet den Disput mit einem Gebet für die reformatorische Sache.
**Mitten im 30jährigen Krieg entstehtdieses bekannte Blatt. Es zeigt Luther (mit Bauch in der Schubkarre und seinen Anhängern in der Kiepe sowie Katharina mit Wickelkind, den sächsischen Löwen an der Leine. Sie sind sinnbildlich für die Glaubensflüchtlinge aus Böhmen, da dort die Jesuiten im Auftrag Kaiser Rudolfs die Gegenreformation mit harter Hand durchführen. **1730, zum 200. Jahrestag des Augsburger Bekenntnisses, entsteht in Hamburg dieses Glaubens-Bestätigungs-Blatt. Am Baum blühen alle wichtigen lutherischen Glaubensartikel.
**Man solls nicht glauben, aber auch 200 Jahre nach der Reformation ist der Streit noch gehässig. Ebenfalls 1730 erscheint ein Druck mit Luthers Lotterleben, u.a. Gänge ins Bordell u.ä. In der Mitte bläst ein Teufel ihm seine Lehre von hinten ein.
**Ein Beispiel aus dem 17./18. Jh, nachdem die Glaubenswelten durch viele Kriege durchgeschüttelt worden waren und die Aufklärung sich ankündigt: Was gilt hier als wahr? Nicht mehr katholisch gegen lutherisch wird hier gefragt, sondern Geist steht gegen das Wort. Daher stehen sich auch nach altem Kontrast-Schema Vertreter des Geistes: die Apostel Petrus und Paulus, auch Bartholomäus ist auszumachen - den Vertretern des Worts: Papst, Luther, Kaiser, Könige, Wissenschaftler – gegenüber. Die Antwort bleibt offen.
**Hier habe ich Ihnen noch einmal eine seitenverkehrte Kopie nach Albrecht Dürer mitgebracht, die Wolfgang Steuber für sein Luther-Pamphlet nutzt. Luther wird hier dem Kirchenvater Hieronymus gleichgestellt, und wichtig ist die Drohung an den Papst: „Im Leben war ich Dir eine Pest, im Tode werde ich Dein Tod sein“. Was für eine Verwünschung!
**Die greift zu Luthers 400.Geburtstag 1983 ein DDR- Siebdruck auf, Künstler leider unbekannt. Der Regenbogen im Hintergrund, der Putto nach Raffael und das Sektglas schwächen die Aussage wunderbar ab. 
**Weniger Toleranz und Verständnis erfuhr ein weiteres Geburtstagsbild, hier die Entwurfsskizze. weil aber Che Guevara mit Luther am Tisch sitzt, hat die Universität Halle-Wittenberg das Werk nicht angenommen. 
**Heute freuen wir uns über intensive Annäherungen der Konfessionen, wie uns die keineswegs mehr polemischen, sondern liebenswert-versöhnlichen Karrikaturen zeigen, die mir Frau Pastorin Brandy zur Verfügung gestellt hat..
Allerdings denke ich intensiv über die Funktion des schwarzen Canis Domini nach, der die Schäfchen zusammentreibt...
**Und natürlich eint die Christenheit das Wort der Bibel. 
**Zum Schluß möchte ich Sie noch etwas erheitern mit Luther –Devotionalien – oder sollte ich Reliquien sagen? Meiner Meinung nach gehören sie auch zu den satirischen Äußerungen in Bezug auf den zweifelsfrei großartigen Jubilar mit seinen Ecken und Kanten.
**Otmar Hörl, 800 Stück Wittenberg statt Schadow-Statue 2010
**Kleine Schadow-Statuen
**Schmähbild mit Luther auf Sockel – Vorbild für Denkmalsockel als Säule
**Playmobil 850.000mal verkauft, mehr als jedes andere Playmobilteil
**Schneekugel, Quietschentchen versteckt sich aus Scham
**Im 18. Jh. wars auch schon so**Verschärft: Tomaten, **Kräuterlikör, **Tintenklecks
**Und mit diesem Foto aus Eisleben hoffe ich, daß dieser Abend Ihnen neue Luther-Energien gegeben hat.
**Luther und ich verabschieden uns!


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