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Bericht vom 11.11.2013

ROT

K√ľnstler des BBK Stade-Cuxhaven sehen rot

© Jutta de Vries

ROT
Künstler des BBK Stade-Cuxhaven sehen rot
Jahresausstellung im Atelierhaus Minke Havemann, Hagenah
22.09.2013 – 20.10.2013
Eröffnung 22.09. 2013, 12 Uhr
©Jutta de Vries
 
 
Meine sehr verehrten Herren und Damen, 
 
spüren Sie das auch? Dieses Kribbeln? Unruhe, jagenden Puls? Wird Ihnen schön wohlig warm? Oder ist Ihr Blick stimuliert von gewissen Körperteilen, steigen Aggressionen in Ihnen hoch oder ein kollektives Liebesempfinden? Entwickelt sich der Reiz einer ehrerbietenden Hochachtung in Ihnen, möchten Sie nieder knien? Oder zumindest anhalten und Vorsicht walten lassen? Fühlen Sie sich energiegeladen und könnten die ganze Welt umarmen?
 
Dann sind Sie hier richtig, umarmen Sie die Künstler und Künstlerinnen des BBK Stade-Cuxhaven, denn die sehen in ihrer Jahresausstellung heute rot, ganz unerbittlich individuell und halten Ihnen alle möglichen Empfindungen und Reize vor Augen, die diese herrliche Farbe auslösen kann. 
 
Ausdrücklich möchte ich darauf hinweisen, dass es sich hier nicht um eine politische Veranstaltung handelt – keine Aggressionen oder Forderungen sollen aufs Tapet – obwohl die globale Lage dazu einladen würde und die Künstlergemeinschaft in den aktuellen Diskussionen um die Abschaffung der Künstlersozialkasse, die Kürzungen der Subventionen und die Aufkündigung von Stipendien allen Grund dazu hätte.
 
Ausdrücklich möchte ich auch darauf hinweisen, dass es sich nicht um eine Wahlveranstaltung handelt – Ihre Kreuze werden Sie ja sicher schon alle gemacht haben und keine Wahlverweigerer sein.
Also keine Wahlveranstaltung hier, aber wenn wir heute abend nach der Stimmenzählung auch viel rot sehen, kann der BBK sogar eine Hellseher-Abteilung aufmachen.
 
18 Mitglieder der Sektion Stade-Cuxhaven in der inzwischen 62jährigen Künstlervereinigung beteiligen sich diesmal an der alle zwei Jahre stattfindenden Schau, die über das jüngste Schaffen Auskunft geben soll.
So haben wir hier auch fast nur neue Arbeiten in unterschiedlichsten Techniken, von der Zeichnung über Aquarell, Druck und Scherenschnitt, Eitempera-, Öl- und Acryl-Gemälde bis zu Fotografie, Holzbildhauerei, Tonplastik und Raumobjekt, die das Thema ROT untersuchen.
 
Eine der spannendsten Farben im Spektrum und dann auch im Substanzbereich ist dieses Rot. Es ist das Wellenlängste oberhalb 600nm bei der Prismenbrechung, daher reagiert unser Auge besonders empfindlich und schnell auf diesen Farbreiz. Da es vielfältig und in vielen Abstufungen in der Natur vorkommt, erhielt es auch schon früh von unseren Vorvätern seinen Namen, der sich ableitet von entsprechender Farbe edler Metalle. Schon in der Altsteinzeit hat  der Mensch sich aber nicht mit der Farbe an sich zufrieden gegeben, sondern auch ihre Wirkung zelebriert: Körperbemalungen und Bannzauber, rituelle Opferformen auch mit dem realen blutrot von Tier und Mensch, Darstellung der Anwesenheit von Gottheiten sind in Höhlen und auf Felswänden bezeugt. Und nicht zu vergessen: die vielen Handabdrücke, vor allem in der französischen Höhle von Peche Merle, positive oder negative Handformen in rotem Ocker: die erste anrührende Erkenntnis des Menschen: „Ich bin ich, ich bin real, ich bin ein Individuum und nicht austauschbar.“
 
In manchen Sprachen wird der Begriff rot auch simultan mit schön und wertvoll gebraucht. Im übertragenen Sinn kann rot dann alles bezeichnen was uns schön und anziehend vorkommt, Liebe und Leidenschaft zum Beispiel. In China geht man noch weiter und liebt Rot als Farbe des Glücks – das wiederum kann ja auch im übertragenen Sinn mit Liebe und Leidenschaft – egal für wen oder was – zu tun haben. 
 
Den vielen positiven Stimulantien und symbolischen Übertragungswerten von Rot stehen sicher ebenso viele negative gegenüber, mehr als bei jeder anderen Farbe: das Feuer wärmt nicht nur, es verwüstet aufs Schlimmste, mit dem Feuer wird das Fegefeuer der Bibel und damit der Teufel in Verbindung gebracht; kocht das Blut, gibt’s unkalkulierbare Aggressionen, auch die Revolution schreibt Rot auf ihre Fahnen. Diese Ambivalenz macht die Wahl von Rot zu einer schillernden, nicht immer leicht zu deutenden Idee, wenngleich ganz eindeutig die schnelle und klare Erkennbarkeit der Farbe dazu geführt hat, dass sie für Verbote und Gebote, für Zeichen der Gefahr und der Fehlerkorrektur zu selbstverständlichem gesellschaftlichen Konsens geworden ist.
Und rot hat ja auch unerhörten Signalcharakter, es fordert sofort die Aufmerksamkeit heraus. Wieviel wunderbares Rot verbraucht Grünewald für sein Auferstehungsbild im Isenheimer Altar, wie kostbar und überflutend der echte Purpur bei Giorgione oder Tizian oder, klein-klein, Wilhelm Busch, der nicht nur Karrikaturist sondern auch exzellenter romantischer Landschafter war: in jedem seiner Bilder hat er irgendwo eine kleine rote Passage eingebracht – ob es nun ein Reiterjackett, ein Blumenboskett oder ein Hausdach war – egal – schon erhielt das Bild besondere Spannung.
 
Auch Herrschaftsansprüche lassen sich super mit rot manifestieren, von den antiken Herrschern angefangen konnte keiner dem Purpur bisher widerstehen. Und nehmen Sie den aktuellsten Wahlspot von Angela Merkel, in dem sie uns auffordert, mit Ihr gemeinsam Deutschland zu führen: das neue karminrote Jackett stellt diese Aussage schon gleich ad absurdum. Wir, das Volk, sind da eher schmückendes Beiwerk.
 
Die Liste von Beispielen passender und verschenkter Art wäre noch lange fortzusetzen, das Rot scheint uns Menschen wirklich nah am Herzen zu liegen – in des Wortes enger Bedeutung. Deshalb geben auch 20% der Deutschen rot als ihre Lieblingsfarbe an.
Wie viele von uns hier haben denn Rot als Lieblingsfarbe?...(Etliche Meldungen)
 
Die herrliche Vielfalt des Rot spiegelt sich auch in unserer Ausstellung, und ich lade Sie nun zu einem kleinen Rundgang ein. An der Wand hinter mir  gibt die Bildgewebe-Künstlerin Annie  Fischer aus Schloß Holte-Stuckenbrock eine ihrer hintergründig komplexen Anweisungen. Ihr Objekt stürzt sich in den Raum, aus dem echten Generalverbotsschild drängelt sich das rot, das als einzige Farbe darf, und fließt in einer blutigen Spur zu Boden. Welche Ästhetik können doch Schauergeschichten entwickeln!
 
Eva-Maria Jensch aus der Wingst ist bekannt für ihre bildhafte, stets augenzwinkernde Doppelbödigkeit und die ungewöhnlichen Malgründe, hier ist es Walzblei, das sich aufbiegt und unter der roten Erde – die wirkt eher wie ein Öl-Teppich - geheimnisvolle Entdeckungen von Mutter Natur preisgibt.
 
Imke Korth-Sander stellt reduzierte Figuren in den roten Raum und führt die Reduktion des Gegenstands im Werk „Tür an Tür“ an die Grenzen der Abstraktion. In den roten Strudel der Bewegung zieht uns die  ganz plastisch wirkende kleine Arbeit von Ingeborg Dammann-Arndt, die sonst mit ihrer ausgefeilten Strichtechnik ganze Räume durchwuchert und zu bewegten Topografien mutieren läßt.
 
Sarah Burkhardt aus Stade, zum ersten Mal im BBK dabei, schließt ihr Kind ins Herz und zeigt eine weitere Fötus-Version vor dem Geburtsvorgang – Liebe , Herzblut, Nahrung, Geborgenheit- alle diese Eigenschaften von Rot finden sich im sorgfältig abgestuften Farbspektrum des stringent geführten Pinsels. Sofort fällt mir da der großartige Bildhauer Marc Quinn ein, der einen ganzen Föten-Zyklus in Marmor gezeigt hat, neulich in Venedig.
 
Mike Behrens ist als Fotokünstler und Designer eine Größe in der Region. Er hat auch die Postkarten von den Werken in dieser Ausstellung produziert.(Kaufen!) Dabei ist er mit zwei Fotoarbeiten, No. 126 und No.127, die mit Überlagerungen der Motive, mit Verdoppelungen, Spiegelungen und Rot-Varianten spielen. Der Künstler fragt uns vergnügt nach der Wahrheit und der Wirklichkeit im Bild.
 
Ingeborg Steinhage aus Bremerhaven kenne und schätze ich als Malerin schon lange, seit einiger Zeit widmet sie sich auch der Fotografie und hat zum Thema eine sehr stille Arbeit beigesteuert, bei der es um die Schule des Sehens geht – wo sind sie zu finden, die kleinen Meßpunkte, sind Ihnen schon einmal welche aufgefallen? Oder ist das rot als Markierungshilfe hier unerläßlich?
 
Marita Schlicker zeigt ein zartes Japanpapier-Rollbild mit dem Druck-Rapport einer Figur, die an steinzeitliche Handwaffen oder Werkzeuge erinnern. Die Binnenzeichnung fasziniert bei dieser Arbeit ganz besonders. 
 
Birgit Jaenicke präsentiert ein Rasterbild mit farbigen Pigment-Bindern, eine interessante Technik mit leicht reliefartiger Anmutung. Im bildhaften Gefüge einer Spiralform verbirgt sich große Vielfarbigkeit, vorherrschend ist goldgelb, bei nahen Blick stets durch rot gestützt, und mit ihrem Titel „Das Rot der Renaissance ist Golden“  erinnert die Künstlerin an die stets rote Untermalung von frühen Goldfassungen und auch an jene Zeit, als man beim alchimistischen Versuch, Gold herzustellen, von zinnoberrot ausging.
 
Raimund Adametz, Bildweber, Maler und Organist aus Oberndorf, hatte eine unmittelbare, sinnlich-lustvolle Bildvorstellung bei Bekanntgabe des Ausstellungsthemas, sozusagen ein „Lippenbekenntnis“. Das zauberhafte, zarte Ergebnis sehen Sie hier an der Stirnwand in Aquarell, ich könnte mir aber gut eine gewebte Version vorstellen.  Auf dieser linken Wandseite bewegen sich noch einige vornehme Damen unter uns, elegant, was hier gleichbedeutend mit Rot zu verstehen ist. Unverkennbar ist hier die Bildhauerhandschrift von Barbara Uebel, die neuesten Schick und schönste Hutmode vorführt und dabei gekonnt den Schalk im Nacken mitschnitzt. 
 
Weiter geht’s mit Dirk Behrens , der ein großes Format aus seiner Baustellen-Serie präsentiert, vielschichtig, tiefengestaffelt, bewegt und kraftvoll agiert hier das Rot in seinen Abstufungen im immer noch gegenstandsbezogenen Raum.
 
Herbert Eggert aus Cadenberge lenkt seinen Blick zur Zeit auf Architekturen, die sich in fast futuristischer Art der Bewohnbarkeit entziehen. Im Umriß, symmetrisch gespiegelt und ohne Öffnungen geben sie gegen den roten Himmel ein unheimliches Szenario, und das trotz der sanft getrübten, gleichwertigen Farbkomponenten.
 
Auf ein spannendes Glasobjekt von Giovanna diMai komme ich jetzt zu sprechen. Der aus roten Glaskügelchen gefuste, reine Umriss eines Pärchens im Feuer der Liebe ist ein spannendes Werk in einer spannenden, ziemlich unbekannten Technik des Aneinanderschmelzens von Glasteilen. Bei einer Temperatur von ungefähr 1700 Grad Celsius entsteht eine Fusion des Granulats, das Adjektiv heißt auf denglisch „gefust“.
 
Ein weiteres, ganz andersartiges dreidimensionales Werk ist die bemalte TonPlastik von Birgit Lindemann, die zwar jetzt in Schleswig-Holstein lebt, dem BBK S-C aber weiter verbunden bleibt. Die sorgfältig modellierte Büste mit klassisch behandelter Augenpartie zeigt das Porträt einer gewissen schönen Ines in roter Bluse. Echter Hingucker: Der rote Ohrring.
 
Daneben dräut Kurt Webers „Roter Abt“ mit geschwinden Pinselstrichen im unheilvoll nach schwarz mutierenden Purpur aus der Bildfläche heraus. Interessant ist der Ausschnitt, Kopf und Füße, auch Arme sind außerhalb des Bildrandes gedanklich zu ergänzen. Gern würden wir auch neuere Arbeiten von Kurt Weber sehen, der erst vor einiger Zeit aus Nordrhein-Westfalen in den BBK S-C gewechselt ist.
 
Vor den typischen kleinen Formaten von Christian Goldberg stehe ich wieder mit Freude und Heiterkeit. Die gelenkte Aleatorik im Aquarellbereich beherrscht  er wie kein anderer, der zeichnerische Impuls sitzt immer genau im Unterbewußten. Und mit dem Scherenschnitt „rot?“ bringt er sein dialektisches Farbendenken auf den surrealen Punkt.
 
 
Last but not least sehen wir die Arbeiten von Minke Havemann, die ihr lichtes Galerie-Atelier wieder für diese  Ausstellung zur Verfügung gestellt hat. Eins der wundervoll sinnlichen kleinen Formate aus der Amaryllis-Serie ist da, dazu die „Verschnittene Leinwand“  und „Rot im grünen Passepartout“, beide bewußt in altmeisterlicher trompe-l’oeuil- Manier, in der Suggestion des Dreidimensionalen: es entsteht die Plastizität einer eingeschnittenen Leinwand, – mit Verbeugung vor Lucio Fontana – nur ist hier noch ein blutiges Geheimnis verborgen - und die Stofflichkeit eines über den Rahmen hinaus fallenden Tuches, wie es einst die alten Holländer konnten. Besonders frappant ist ja auch die Wirkung der Komplementärfarbe Grün hier bestätigt. „Mein Rotes Bild“ führt die Lasurtechnik der vielen sehr dünnen Farbschichten zu einem Höhepunkt. Eine Vielzahl von Rahmen sind zu erkennen, die sich in der Tiefe der Rottöne verlieren, durch zarte Grauphasen getrennt, so durchsichtig, wie Schleier und Tüchlein der Renaissancedamen einst dargestellt waren. Das nicht sehr große Format ist geometrisch abstrakt im formalen Aufbau, und doch inhaltsschwer, wie das zugehörige Gedicht von Minkes Schwester Uta Regoli aussagt:
 
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Das Bild ist rot
Von einem Rot
Das ruft ein Rot                                                                                  
Dem ich nach laufe
Ein Rot von dem ich haben will
Ein Rot das wärmt und gut tut                                                                    
ein unvergeßliches Rot                                                                          
Ein unnachahmliches Rot
Welches Wort suche ich...
 
Vielleicht finden wir für uns etwas im Rot dieser gelungenen Ausstellung, und dabei wünsche ich Ihnen viel Vergnügen.


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